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Was ist chronischer Schmerz?

Chronischer Schmerz

Definition

Von einer Chronifizierung des Schmerzes spricht man, wenn der Schmerz seine eigentliche Funktion als Warn- und Schutzsignal verloren hat und keine erkennbare physiologische Funktion mehr besitzt.

„Chronischer Schmerz wird als Schmerz beschrieben, der länger als 3 – 6 Monate anhält. Prädiktoren sind u.a. physische und psychische Komorbiditäten und Angststörungen. Zudem ist der Chronifizierungsprozeß durch Multidimensionalität und die Bedeutung des sozialen Umfeldes charakterisiert 1.“

Über diese Definition hinaus werden auch solche Schmerzen als chronisch eingestuft, die über Monate oder Jahre hinweg immer wiederkehren.

Für den betroffenen Schmerzpatienten spielt eine solche Einteilung aber eine untergeordnete Rolle, so dass im klinischen Alltag lang anhaltende Schmerzen als chronisch bezeichnet werden, auch wenn eine Mindestdauer von 3 oder 6 Monaten nicht erreicht wird. Für Patienten und ihre Angehörigen kann es besonders belastend sein, wenn dabei keine Ursache für das lange Andauern der Schmerzen gefunden wird. Dies wird noch dadurch verstärkt, dass das soziale Umfeld auf die für Außenstehende unerklärbaren Schmerzen oft mit Unverständnis reagiert.

Chronischer Schmerz gilt heute als eigenständige Erkrankung.

 

Quellen:
1Expertenstandard Schmerzmanagement in der Pflege bei chronischen Schmerzen, Deutsches Netzwerk für Qualität in der Pflege (DNQP), 2014, 64-67

 

Beschreibung/Unterscheidung

Im Gegensatz zu akuten Schmerzen haben chronische Schmerzen ihre eigentliche Funktion als Warn- und Schutzsignal verloren. Laut Definition der Internationalen Gesellschaft zum Studium von Schmerz (IASP) existieren die Schmerzen dann entkoppelt von direkten oder indirekten Gewebeschädigungen – eine physiologische Ursache ist nicht mehr erkennbar.

Chronische Schmerzen sind in ihrer Erscheinungsform und Entstehung vielfältig. Ursache für eine Chronifizierung können Verletzungen aber auch Erkrankungen sein: Durch ständige und unzureichend behandelte Schmerzreize „verselbstständigt“ sich der Schmerz, so dass in vielen Fällen kein Zusammenhang mehr zwischen der den Schmerz auslösenden Erkrankung und dem Schmerz selbst herstellbar ist.

Beispiele für chronische Schmerzen sind Arthrose, rheumatoide Arthritis, Osteoporose, Diabetische Polyneuropathie, Nicht-Spezifischer Rückschmerz, Spinalkanalstenose, Tumorschmerzen oder Spondylitis ankylosans (Morbus Bechterew).

Durch andauernde Schmerzreize ist das körpereigene Schmerzhemmsystem oftmals erschöpft, es kommt zu pathophysiologischen Veränderungen des Nervensystems, das Schmerzempfinden ist häufig verstärkt (Hyperalgesie). Es wird davon ausgegangen, dass starke Schmerzreize die synaptische Übertragung von Schmerzinformationen vom peripheren auf das Zentralnervensystem anhaltend potenzieren.

Die synaptischen Veränderungen sind Lernprozesse, die einer Bildung des kognitiven Gedächtnisses sehr ähnlich sind. Man spricht daher vom sogenannten „Schmerzgedächtnis“.

Für Patienten und ihre Angehörigen ist es häufig sehr belastend, wenn keine Ursache für das lange Andauern der Schmerzen gefunden werden kann. Die daraus resultierende Beeinträchtigung der Lebensqualität führt dann zu weiteren Erkrankungen wie etwa Depression. Daher ist bei chronischen Schmerzpatienten ein interdisziplinärer, multimodaler Therapieansatz unbedingt zu empfehlen.

 

Was beeinflusst chronischen Schmerz?

Anamnese und Diagnostik
Im Rahmen einer korrekten Diagnosestellung ist beim chronischen Schmerz im Vergleich zum akuten Schmerz eine erweiterte Untersuchung nötig. Sie beinhaltet neben der Schmerzanamnese auch eine psychosoziale Anamnese. Wichtig sind die Lokalisation des Schmerzes, eine ausführliche Beschreibung des Schmerzmusters und -charakters sowie eine Beurteilung der Schmerzstärke, etwa anhand einer visuellen Analogskala (VAS).

Ein weiterer wichtiger Faktor ist das psychosoziale Umfeld des Patienten, das einen erheblichen Einfluss auf die Schmerzwahrnehmung und die Schmerzqualität haben kann. Ohne eine solche psychosoziale Anamnese und eine entsprechend integrierte Therapie ist eine erfolgreiche Behandlung des chronischen Schmerzes kaum möglich.

Multimodale Ansätze
Werden chronische Schmerzen nicht adäquat behandelt, kommt es zu einer langen Leidensphase der betroffenen Patienten und oftmals zu weitreichenden zusätzlichen Komplikationen. Die Patienten zeigen häufig eine zunehmende körperliche Inaktivität mit folgender sozialer Isolation. Sie haben eine dysphorische Stimmung bis hin zur Depression und das Selbstwertgefühl ist stark beeinträchtigt.

Besonders gute Therapieerfolge lassen sich mit der so genannten multimodalen Schmerztherapie erzielen, einer Kombination aus physikalischen Massnahmen, Entspannung, Psychotherapie und Medikamenten. Sie wird in der Regel interdisziplinär durchgeführt.

Eine frühzeitige und ausreichende medikamentöse Schmerztherapie ist unabdingbar um

  • permanente Schmerzreize zu reduzieren
  • hyperaktive Nervenfasern zu beruhigen und
  • die körpereigene Schmerzhemmung zu unterstützen.

Darüber hinaus erleichtert die medikamentöse Schmerzlinderung alle anderen Massnahmen, da die Aufmerksamkeit nicht ständig auf die Schmerzen gelenkt ist.

Bei der Substanzwahl wird darauf geachtet, mechanismen-orientiert vorzugehen. Das Behandlungskonzept orientiert sich an den Kriterien Schmerzursache, Schmerzmechanismus, Schmerzcharakter und der patientenindividuellen Komorbidität.

Zu beachten ist dabei immer eine eingehende Diagnostik bei chronischen Schmerzen. Wenn mehrere Mechanismen beteiligt sind, wird von gemischtem Schmerz (Mixed Pain) gesprochen. Ein Beispiel: Bei bis zu 90 Prozent der Patienten mit chronischen Rückenschmerzen liegt eine neuropathische Schmerzkomponente vor.1

Eine adäquate Komedikation ist darüber hinaus wichtiger Bestandteil der Therapie, etwa zur Behandlung von Depressionen.

Die multimodale Schmerztherapie ist ein übergeordnetes konzeptgesteuertes Behandlungsverfahren, dem sich alle beteiligten Fachgebiete gemeinsam verpflichten. Häufig wird eine solche Therapie stationär durchgeführt, so dass eine enge Betreuung durch die verschiedenen Fachgruppen wie Schmerztherapeuten, Psychotherapeuten und Physiotherapeuten gewährleistet ist.

Die therapeutischen Ziele:

  • Rückbildung der neuroplastischen Veränderungen des Nervensystems
  • Reduktion von Schmerzreizen
  • Hyperaktivität der Nerven senken
  • Körpereigene Schmerzhemmung fördern
  • Schmerzbewältigung verbessern
  • Schmerzgedächtnis löschen und Schmerzerleben und -hemmung neu lernen
  • Verspannungen lösen
  • Schmerzaufmerksamkeit reduzieren
  • Ablenkung
  • Belastbarkeit und Funktion der Gewebe verbessern

 

Quelle
1 Mehra M, Hill K, Nicholl D, Schadrack J. The burden of chronic low back pain with and without a neuropathic component: a healthcare resource use and cost analysis. J Medical Economics 2012;15:245-52.

 

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